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Stromkreis, Schaltkasten und die Fragen...

Stromkreis, Schaltkasten und die Fragen...
Stromkreis, Schaltkasten und die Fragen...

Durch die weit geöffneten Fenster des hintersten Klassenraumes  weht eine angenehm frische Brise, als der Bischof von Limburg an diesem Morgen in einer Schulbank Platz nimmt und sich unter die Schüler mischt. Die dürfen ihm heute Fragen stellen. Und er beantwortet sie gerne:

„Es gibt existentielle Themen, um die kommt kein Mensch drum herum“ –  sagt er zu einem Schüler. Einem von insgesamt zwölf, die sich freiwillig für den Dialog mit dem Kirchenmann gemeldet haben.  Und er fährt fort: „Wieso passiert mir das? Warum gibt’s Leid, warum Krankheit? Und wie gehe ich damit um? Und auch die Frage nach dem Tod. Das sind Fragen, die sich irgendwann jedem einmal stellen. Und oft kommt dann die Religion ins Spiel“.

Gespannt hören die Schüler dem Bischof zu. Das Gespräch ist alles andere als langweilig. Und das Interesse an religiösen und weltanschaulichen Fragen bei den jungen Männern zwischen 17 und 28 Jahren offenbar größer, als das allgemeine Bekenntnis zu diesem Interesse. Das jedenfalls zeigen die vielen Wortmeldungen der angehenden Techniker:

„Sehen sie Parallelen zwischen den dunklen Epochen des Christentums und dem Islam“ will ein Schüler wissen, der sich selbst zum Atheismus bekennt. Und „Warum kommen die evangelische und katholische Kirche eigentlich nicht zusammen,  das kann doch nicht so schwer sein? fragt ein anderer. Schnell sind die 45 Minuten um. Und damit schon die dritte Gesprächsrunde an diesem Donnerstag, in der Dr. Georg Bätzing den Berufsschulalltag an der Technikerschule im Frankfurter Gutleutviertel kennenlernt. Dazu ist er aus Limburg gekommen. Mit Bus und Bahn und spürbarem Interesse, auch  an den Herausforderungen, denen sich Schulleiter Tilmann Stoodt Tag für Tag stellen muss: der Tatsache beispielsweise, dass Berufsschulen in bildungspolitischen Konzepten bisweilen nahezu unberücksichtigt bleiben, der Frage was Digitalisierung für eine technische Berufsschule bedeutet und nicht zuletzt die Suche nach ausgebildeten Lehrkräften. Von denen gibt so wenige, dass der Betrieb derzeit eingeschränkt werden muss. Und diese Wenigen sind mit vielem konfrontiert. Mit vielem, was mit dem Unterrichten eigentlich gar nichts zu tun hat und es dennoch manchmal unmöglich macht. Davon hört der Bischof in einem weiteren Gespräch.

Diesmal mit der Sozialpädagogin Eva-Maria Bauer und Lehrkräften aus dem Fachbereich Religion/Ethik: Da ist zum Beispiel der geflüchtete junge Mann, der beim Thema „Lebenstraum“ zusammenbricht, weil sein Trauma wieder aufbricht. Ein anderer Schüler knallt – offenbar völlig übermüdet - plötzlich mit dem Kopf auf den Tisch. Die Lehrerin spricht ihn an und erfährt, dass er gerade kein Dach überm Kopf hat. Und ein Dritter kann sich nicht konzentrieren, weil er nachts einer Zusatzbeschäftigung nachgeht, um drei jüngere Geschwister und die schwerkranke Mutter mit zu versorgen. Diesmal ist es der Bischof, der gespannt und  betroffen zuhört und interessiert zurück fragt, bis irgendwann erneut die gelbe Lampe über der Tür blinkt und die wohlverdiente Pause anzeigt.

Durch den Sommerhoff Park geht es ins benachbarte Johanna-Kirchner-Altenhilfezentrum. Dort wartet das Mittagessen. Und einer der Hausbewohner. Im Rollstuhl schiebt er sich uns langsam entgegen. Sichtlich erfreut über die neuen Gesichter beginnt der ältere Herr einen fröhlichen Smalltalk über die bevorstehende Bundesliga und die Chancen der Eintracht, deren Kappe er auf dem Kopf hat. Bischof Georg und Schulleiter Tilmann Stoodt müssten eigentlich schon wieder im Auto sitzen. Die nächsten Termine warten. Davon merkt man den beiden aber gar nichts an. Stattdessen lassen sie sich kurz aufhalten, lachen und scherzen mit dem Mann im Rollstuhl. Der strahlt übers ganze Gesicht als wir uns von ihm verabschieden. Für einen Moment macht er mich nachdenklich. Er erinnert mich an den Satz, den ich am Morgen gehört hatte:

„Es gibt existentielle Themen, um die kommt kein Mensch drum herum“. Manchmal sind es die scheinbar unbedeutenden Begegnungen am Rande, die uns genau daran erinnern.  (Patricia Nell, Religionslehrerin)