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Mit dem Rollstuhl in den Himmel

Religionspädagogischer Studientag zum inklusiven Verständnis von Heilungsgeschichten
Mit dem Rollstuhl in den Himmel
Mit dem Rollstuhl in den Himmel
Meine Hoffnung und meine Freude: Zweisprachiges Morgengebet zum Start - mit Gesang und Gebärden © Reichwein/Bistum Limburg

Blinde sehen, Lahme gehen, Taube hören: Von solchen wunderbaren Heilungen berichtet die Bibel. Aber wie lesen sich diese Geschichten aus der Sicht von Menschen, die selbst mit einer Beeinträchtigung leben? Und wie können sie in einem Religionsunterricht vermittelt werden, der sich als inklusiv versteht? Mit diesen Fragen hat sich am Mittwoch, 13. November, ein Religionspädagogischer Studientag im Exerzitienhaus in Hofheim beschäftigt, der mit seinem Titel – „Perspektivwechsel“ – schon einen Teil der Antwort vorwegnahm. Dass es, wenn von Inklusion die Rede ist, immer auch um Auffassungen von Normalität und um das eigene Menschenbild geht, machte am Vormittag Markus Schiefer Ferrari, Professor für katholische Theologie und Religionspädagogik an der Universität Koblenz-Landau, in seinem Vortrag deutlich.

Inklusion als große Chance für alle

Der Mensch ist zerbrechlich, fragil und alles andere als perfekt, das gehört zu seinem Menschsein dazu: Unter diese Grundannahme stellte der Theologe sein Plädoyer für eine inklusive Lektüre biblischer Heilungsgeschichten. Die Absage an Perfektibilitätsvorstellungen orientiere sich dabei nicht nur an den Interessen einer spezifischen Gruppe – der von Menschen mit Behinderung -, sondern an einer für die Gesamtgesellschaft relevanten Perspektive, sagte er. Auf die "große Chance", die in der Auseinandersetzung mit Inklusion liege, hatte zu Beginn bereits Studienleiterin Susanne Beul-Ring vom Amt für katholische Religionspädagogik Frankfurt hingewiesen und der Vorstellung widersprochen, das Ganze sei ein Modethema. Es gehe um veränderte Sichtweisen und die Frage, "was normal ist". In diesem Sinne müsse der Begriff "Inklusion" aufgebrochen und neu gedacht werden.

Menschen nicht auf Merkmale reduzieren

Heilungserzählungen „disabilitykritisch“ zu verstehen und zu interpretieren, bedeute gerade nicht, wie Schiefer Ferrari klarstellte, von der Lebenswelt einer diskriminierten Gruppe auszugehen und die Texte für sie zu erschließen. Dies würde nur erneut zur weiteren Zementierung problematischer Unterscheidungskriterien wie „behindert und nichtbehindert“ führen. Seine Mahnung, dass Menschen grundsätzlich nicht auf ein oder mehrere Differenz-Merkmale reduziert werden sollten, verband der Professor mit einer deutlichen Empfehlung für den Religionsunterricht. Übungen, bei denen sich die Schüler mit verbundenen Augen oder gekrümmt durch den Klassenraum bewegten – eine bis heute offenbar beliebte Methode der „Einfühlung“ -, bedienen nach seiner Auffassung ungewollt eine solche Reduzierung und damit eine Mitleidshaltung, die zu weiteren Ausgrenzungen führe.

Gott ist im Leben nahe

„Wie oft sind auch wir blind für andere!“ Auch solchen – nach seinen Worten „metaphorisierenden“ – Auslegungen erteilte der katholische Theologe eine deutliche Absage. Sie setzten Heilung und Heil gleich und verharmlosten die tatsächlichen Erfahrungen von Menschen mit Beeinträchtigung. Einfache Rezepte, wie ein inklusiver Unterricht stattdessen aussehen könnte, hatte der Referent nach eigenem Bekunden zwar nicht im Gepäck, aber doch deutliche Leitlinien. So sollten Schüler und Schülerinnen in der Begegnung mit Heilungsgeschichten nicht einen allmächtigen Gott kennen lernen, der alle Behinderungen und Grenzen beseitigt, sondern einem gegenwärtigen Gott begegnen, „der begleitet und im Leben nahe ist.“ Bei den Heilungsgeschichten stünden nicht etwaige "Zauberkräfte“ von Jesus im Fokus, sondern seine Hinwendung zu Menschen, vor allem zu den ausgegrenzten.

Teilgabe statt Teilhabe

Dass Inklusion keine Einbahnstraße ist, unterstrich im gemeinsamen Austausch Christof Müller. Der Studienrat, der blind ist und am Nachmittag aus seiner Perspektive in einem der Workshops über Schwierigkeiten und Zugänge zu den Heilsgeschichten sprach, unterrichtet an der Main-Taunus-Schule in Hofheim. Für seine Arbeit sei es eine Grundvoraussetzung, sich in die sehende Welt hinein zu denken. Das sei auch umgekehrt ansatzweise möglich, so sein Plädoyer für „mehr Durchlässigkeit“. Es gehe bei Inklusion nicht nur um Teilhabe, sondern auch um Teilgabe, sagte Pfarrer Christian Enke, Gehörlosenseelsorger im Bistum Limburg. Schließlich hätten alle Menschen etwas, das sie mitbringen würden, zum Beispiel auch in ihrer Spiritualität, in der Weise, „wie sie Gottes gute Schöpfung wahrnehmen.“

Ist der Himmel barrierefrei

Nachdenklich machten an diesem Tag nicht zuletzt die eindrücklichen Zitate von Menschen mit  Beeinträchtigung, die Professor Schiefer Ferrari aus dem Grundsatz heraus „Nicht über uns, sondern mit uns“ vortrug. Unter anderen ließ er auf diese Weise die amerikanische Professorin und Rollstuhlfahrerin Julia Watts Belser zu Wort kommen, für die Behinderung ein Teil ihrer Identität ist: „…wenn es einen Himmel gibt, dann würde es mich sehr enttäuschen, wenn der Himmel nicht barrierefrei wäre. Ich wäre enttäuscht, wenn es keine Rollstuhlfahrer und Fahrerinnen im Himmel gäbe, wenn ‚Springen wie ein Hirsch‘ eine Bedingung zum Eintritt wäre.“

Die Veranstaltung war eine Kooperation zwischen den Religionspädagogischen Ämtern Frankfurt, Oberursel und Wiesbaden.

© Reichwein/Bistum LimburgProfessor Markus Schiefer Ferrari hielt das Eröffnungsreferat