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29.11.2016

Was Kirche von Berufsschullehrern lernen kann

Marc Fachinger will eine Lanze für Religionsunterricht an Beruflichen Schulen brechen

OBERURSEL. Was kann Kirche von Berufsschulreligionslehrern lernen? Dieser Frage geht die Forschungsarbeit von Marc Fachinger nach. Der promovierte Theologe setzt sich in seiner Studie „Sie sind doch schon fest intrigiert! Katholische Berufsschulreligionslehrer in kirchlichen Lehr- und Lernprozessen. Eine Spurensuche nach ihrem Selbstverständnis“ mit Erfahrungen und dem Selbstverständnis von Berufsschulreligionslehrern auseinander. Das in diesem Zusammenhang missverständliche Wort „intrigiert“, ursprünglich ein Lapsus eines Schülers, der eigentlich integriert sagen wollte, lässt Fachinger nicht  mehr los, erzählt er. Das war mit ein Anstoß, über seine Arbeit als Berufsschulreligionslehrer nachzudenken und letztlich zu forschen.

Hommage an die Lehrkräfte

Elf Jahre hat Fachinger als Religionslehrer an einer Beruflichen Schule in Oberursel gearbeitet. Und wenn er heute von seinen Schülern spricht und wie optimistisch ihn seine Schülerschaft an der Beruflichen Schule stimme, kann man kaum glauben, dass er nicht mehr dort an seiner Schule Religion unterrichtet. Im Sommer dieses Jahres hat er eine Stelle im Bischöflichen Ordinariat angenommen. Er leitet nun das Amt für katholische Religionspädagogik in Limburg.

Außerdem ist er Referent für Berufliche Schulen im Bistum. Und für genau diese will er eine Lanze brechen. Denn hier sei Kirche nah dran an Jugendlichen und jungen Erwachsenen: 80 Prozent der Jugendlichen in Deutschland besuchen eine Berufliche Schule. Grund genug, diesen Schultypus aus seinen Schattendasein herauszuholen. Seine Forschungsarbeit betrachtet er als "eine Art Hommage" an die ambitionierten und innovativen und auch an die frustrierten und manches aussitzenden Lehrkräfte, so Fachinger. 100 katholische Berufsschulreligionslehrer aus Deutschland kommen in der Studie zu Wort. Im Bistum Limburg gibt es insgesamt 120 Berufsschulreligionslehrer.

Mit zentralen Fragen und Liebe punkten

Eine Besonderheit, die die Arbeit auch berücksichtigt, ist die heterogene Lebenswelt der Schüler in Beruflichen Schulen, vom fünfzehnjährigen Lehrling bis zum Abiturienten in Ausbildung. Was ist im Leben wichtig? Was ist der Mensch? Das seien zentrale Fragen im Berufsschulreligionsunterricht, mit denen Kirche Menschen erreichen kann. Kirche könne hier zuhören und erfahren, wie Menschen „ticken“. „Meine Schüler sind Suchende. Und es gibt Themen, die auf großes Interesse stoßen. Da entsteht auch schon mal eine Stille, eine Konzentration im Unterricht. Das sind beispielsweise Situationen, wenn es um Schicksalsschläge geht, die die Jugendlichen betreffen.“ Hier kommen Religionslehrer mit ihren Schülern auch ins Gespräch über Gott. Auch über Bindungen, die im Leben tragen. Darüber hinaus sei die Begegnung mit Gästen der Weltkirche eine bereichernde Erfahrung für die Schüler. Hier werde erfahrbar, sagt Fachinger, wie christliches Leben und Zeugenschaft konkret aussehen kann. Diese Begegnungen seien sehr wertvoll. Vor allem aber sei die „Liebe zu den Schülern und den Menschen“ unabdingbar.

Perspektive des Glaubens als Option

Die Charismen und Erfahrungen der Berufsschulreligionslehrer können so vor allem drei Dinge lehren, so Fachinger: Erstens, wie ein Gespräch möglich werden könne, in dem auch die Perspektive des Glaubens als Option aufscheinen kann - wie fragmentarisch auch immer; zweitens, wie trotz ablehnender Haltung gegenüber aller Religion im Dialog zu den Kernfragen des Lebens Aufmerksamkeit und Teilnahme erreichbar sei und drittens, wie in einen hochgradig säkularen Kontext hinein trotzdem die Frage nach Gott gestellt werden könne, sofern das alles entsprechend dem Denk- und Sprachhorizont der jungen Menschen vorgebracht werde.

In der Bibliothek des Amts für Religionspädagogik

Die Arbeit von Marc Fachinger ist 2015 in der Reihe „Religion und berufliche Bildung“ (Bd. 8) erschienen. Sie zielt nicht auf Fragen der Didaktik im Berufsschulunterricht, sondern auf kirchliche Lehr- und Lernprozesse. Genau darin liege die Originalität dieser Forschungsarbeit, schreibt Professor Klaus Kießling im Geleitwort zu der Studie, die er an der Hochschule St. Georgen betreut hat. Dort und an der Universität Innsbruck hat Fachinger Theologie studiert, bevor er zunächst für zehn Jahre als Pastoralreferent, dann elf Jahre als Berufsschullehrer arbeitete.

Die Studie „Sie sind doch schon fest intrigiert! Katholische Berufsschulreligionslehrer in kirchlichen Lehr-Lernprozessen. Eine Spurensuche nach ihrem Selbstverständnis“ ist in der Bibliothek des Amts für Religionspädagogik Limburg (Graupfortstr. 5/ 65549 Limburg) kostenfrei zu entleihen oder auch in jedem Buchhandel unter der ISBN 978-3-643-13216-1 erhältlich. (fl)