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07.03.2017

Der Glaube der anderen

Studientag für Religionslehrer bringt Konfessionen ins Gespräch

Was glauben Sie, was ich glaube? Und was ist typisch katholisch und typisch evangelisch: Athina Lexutt und Paul Platzbecker hatten knifflige Fragen zu beantworten. Fotos: Reichwein/Bistum Limburg

OBERURSEL. – Typisch katholisch! Typisch evangelisch! Wer kennt sie nicht, solche Zuschreibungen im kirchlichen Umfeld, aber auch darüber hinaus. Dass es trotzdem gar nicht so einfach ist, das Typische der anderen christlichen Konfession zu benennen, ja nicht einmal das der eigenen, das war die erste Erkenntnis beim ökumenischen Studientag für katholische und evangelische Religionslehrer am Donnerstag, 2. März, in Naurod. Dass es gleichzeitig richtig spannend sein kann, wenn sich die Konfessionen unter dem Titel „Typisch!?“ darüber ins Gespräch begeben, war die zweite. Erheblichen Anteil an diesem positiven Ergebnis hatten die beiden Hauptdisputanten des Vormittags, die evangelische Professorin Athina Lexutt (Universität Gießen) und der katholische Privatdozent Paul Platzbecker (Mühlheim), die ihre Positionen mit freundlicher, aber deutlicher Überzeugung vertraten.

Punkte in einem größeren Kreis

Auf sie wartete mit zwei gegenüberliegenden Stehpulten, die rund 50 Teilnehmer rechts und links davon jeweils im Halbkreis sitzend, eine Art Versuchsanordnung. „Wir sind Punkte in einem größeren Kreis“, griff Athina Lexutt das Bild auf. Das entspreche ihrer Vision von Ökumene. Von der aber war an diesem Vormittag gar nicht viel die Rede, stattdessen ging es um den Glauben „der anderen“, in der Haltung wie im Inhalt. Was glaubt der Katholik, was der Evangelische glaubt? Und umgekehrt. Die knifflige Eingangsfrage bereitete den beiden Referenten, von Juliane Schlaud-Wolf vom Amt für katholische Religionspädagogik Taunus als „typische Vertreter ihrer Art“ vorgestellt, durchaus Unbehagen. Schließlich sollte es um das konkrete Gegenüber gehen.

Offenheit für Pluralität

Die Unmittelbarkeit zum Wort Gottes und zum eigenen Gewissen, die Platzbecker bei ihr vermutete, konnte die evangelische Professorin gut bestätigen. Für manch einen vielleicht überraschend aber war ihr die vermutete „kritische Distanz zu jedweder Inszenierung“ zu weit gehend: Das Wort Gottes müsse inszeniert werden, „etwas Show“ gehöre durchaus dazu. Für ihr Protestant-Sein wichtig sei die Offenheit für Pluralität und die Freiheit im Umgang mit Tradition, ergänzte sie. Platzbecker seinerseits kommentierte die von ihr angesprochene leidvolle Spannung zwischen Freiheit im Handeln und dem kirchlichen Lehramt mit einem deutlichen: „Flanke getroffen“. Als charakteristisch für sein Katholisch-Sein nannte er zudem die Sichtbarkeit von  Glauben, die sinnliche Nähe.

Plädoyer für Konfessionalität

Auch wenn man nie wirklich in die Tiefe der anderen Konfession abtauchen könne, lerne man doch beim gedanklichen Ausflug „viel über sich selbst“, resümierten die beiden Referenten, die in der anschließenden „theologischen Selbstvergewisserung“ ein lebhaftes Plädoyer nicht nur für ihre eigene Konfession, sondern für Konfessionalität überhaupt ablegten. Mit Blick auf den Religionsunterricht unterstrich Platzbecker den Herausforderungscharakter eines konfessionell geprägten Glaubens, der mehr sei „als Sachkunde“ und eine „gesprächsfähige Identität“ biete. „Wir brauchen Konfessionen als etwas, zu dem wir stehen können, wofür unser Herz schlägt“, sagte Athina Lexutt, die sich „als leidenschaftliche Protestantin“ für konfessionelle Pluralität statt „Konformität und Gleichschaltung“ aussprach.

Dramatische Zahlen

Bei solch hoher Wertschätzung der Konfessionalität kann die Frage nach ihrer Bedeutung im Schulalltag, bereits in der Gegenwart, vor allem aber in naher Zukunft, nur Skepsis hervorrufen: Wie der katholische Theologe in seinem Vortrag erläuterte, geht die Zahl der kirchlich-sozialisierten und konfessionell geprägten Schüler „dramatisch“ zurück, bis 2020 bereits unter 50 Prozent. Was das heiße, „wissen wir noch gar nicht“, lautete das ehrliche Eingeständnis. (rei)

Der Studientag war eine Kooperation der Ämter für kath. Religionspädagogik Taunus und Wiesbaden, des Pädagogischen Zentrums der Bistümer im Lande Hessen und des Religionspädagogischen Instituts der EKKW und der EKHN Frankfurt.

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